Buch Blitzkrieg-Legende - Der Westfeldzug 1940

Vor einiger Zeit bekam ich ein Buch geliehen, dass meine Sicht von den frühen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges deutlich verändert hat. Bis dahin war ich der Meinung, dass der Westfeldzug gegen Frankreich 1940 nicht nur eine wohl ausgearbeitete strategische Meisterleistung des Oberkommandos der Wehrmacht war und die deutschen Truppen sowohl an Zahl als auch von ihrer Ausrüstung her, den Alliierten deutlich überlegen waren. So überlegen, dass diese zu keinem Zeitpunkt eine Chance hatten. Unerklärbar blieb für mich lediglich, dass man das britische Expeditionskorps bei Dünkirchen entkommen lies. Welcher tiefere strategische Hintersinn lag wohl darin verborgen?

Nach dem Lesen dieses ausgezeichnet recherchierten Buches, das viele Quellen aufführt und sorgfältig analysiert, ergibt sich nun für mich ein völlig anderes Bild. Der Erfolg des Westfeldzuges stand mehr als einmal auf des Messers Schneide. So überraschend der Angriff über die Ardennen kam, so leicht hätte er doch scheitern können.
Es gab mitnichten ein schlüssiges "Blitzkrieg"-Konzept. Noch nicht einmal Einigkeit im Oberkommando, über den genauen Ablauf des Feldzuges.

Viel zu sehr war man noch dem Denken des Ersten Weltkrieges verhaftet, der geprägt war von Stellungskrieg, gigantischen Materialschlachten und der "Abnutzung" des Gegners. Dabei es für ein Land wie Deutschland eigentlich völlig unmöglich einen solchen lang anhaltenden Krieg mit seinen begrenzten Ressourcen und der ungünstigen geografischen Lage zu gewinnen. Schon der Überfall auf Polen zeigte deutlich die unzureichenden Mittel auf, die zur Verfügung standen - stand doch Anfang Oktober 1939 nur noch für ein Drittel der Divisionen ausreichend Munition zur Verfügung und das lediglich noch für ca. 14 Tage (plus Reservern für weitere 14 Tage). Nur ein schneller Erfolg über den Gegner konnte also einen Sieg bringen. Nun gab es durchaus Offiziere, die die Chancen erkannten, die mit neuen Panzerwaffe und dem Zusammenwirken von Luftwaffe und Bodentruppen verbunden waren. Hier ist vor allem Generalleutnant v. Mannstein zu nennen, dem eigentlichen Erfinder des "Sichelschnitt"-Plans. Dieser Plan erschien dem deutschen Oberkommando wohl zu abenteuerlich. Mehrfach geändert und dabei verwäsert, wäre es zu einem "Blitzkrieg im Zeitlupentempo" gekommen. Lediglich eine Reihe von Zufällen und das eigenmächtige Handeln einzelner Generale sorgten für jenen Erfolg, den Mannstein als Vision vorhergesagt hatte.

Auch das Märchen von der zahlenmäßigen Überlegenheit der deutschen Kräfte und der besseren Ausrüstung zerstört Frieser bereits in den ersten Kapiteln. Akribisch werden die Zahl der Soldaten, Geschütze, Panzer und Flugzeuge aufgelistet. Schaut man sich diese Zahlenan, so hätte nach diesem nominellen Vergleich ein französisch-britischer Sieg eigentlich unausweichlich sein müssen. Nur in einem Punkt zeigte sich eine anfängliche deutsche Überlegenheit: bei den an der Front einsatzbereiten Jagdflugzeugen und Bombern. Wohlgemerkt: an der Front einsatzbereit. Zählt man die Maschinen dazu, die im Hinterland stationiert waren, so ergab sich ein deutlicher Vorteil für die Alliierten. Geradezu abenteuerlich wurde es, wenn man sich neben der Anzahl die Qualität der deutschen Panzerwaffe anschaute und mit den zum Teil weit überlegenen französischen Modellen wie dem Char B verglich. Kein deutsches Panzermodell war diesem zu jener Zeit auch nur annähernd gewachsen.

Was waren also die Umstände, die zu dem raschen deutschen Sieg und der verheerenden Niederlage der französischen und britischen Truppen führten? Es war eine Vielzahl von Faktoren, die zu dem Ergebnis führten, das wir aus den Geschichtsbüchern kennen.

  1. Das veraltete Denken des französischen und britischen Oberkommandos. Mit Blick auf den Ersten Weltkrieg ging man dort von einem Stellungskrieg aus, den man - gut geschützt hinter der Maginot-Linie - aussitzen konnte.
  2. Dies führte auch dazu, dass das französische Militär nur einen Teil der Truppen zum Einsatz brachte, um nicht zu viel zu riskieren. Schließlich sollte ja ein längerer Abnutzungskrieg geführt werden, für den man Reserver brauchte. So kam es, dass trotz zahlenmäßiger Überlegenheit auf dem Papier, die deutschen Truppen häufig in der Überzahl waren, da diese geballt eingesetzt wurden. Insbesondere bei den Einsätzen der Luft- und der Panzerwaffe war das häufig der Fall.
  3. Schwerfällige und unzeitgemäße Kommandostrukturen. Während die deutschen Offiziere "Aufträge" bekamen, bei denen sie selber bestimmten, wie sie sie ausführten, waren es die französischen Kommandanten gewohnt präzise Befehle zu erteilen und dabei alle möglichen Eventualitäten zu behanden. Unvorhergesehen Ereignisse bedurften dann eines neuen Befehls von vorgesetzter Stelle. Wohingegen der deutsche Offizier selbständig Maßnahmen ergriff.
  4. Die bereits im 1. Weltkrieg angewandte Stoßtrupptaktik der Deutschen führte immer wieder zu überraschenden Einbrüchen in die Front des Feindes. Dies sorgte häufig für panikartige Reaktionen und den Zusammenbruch ganzer Frontabschnitte - geschuldet dem Gedanken, dass nur eine geschlossene Frontlinie "sicher" sei.
  5. Das eigenmächtige Agieren einzelner Generäle, z.B. Guderians, die, abweichend von den Vorgaben ihrer Vorgesetzten, die Gunst der Stunde nutzten. Häufig kamen die deutschen Truppen ihren Gegnern nur um wenige Stunden zuvor, wenn es darum ging strategisch wichtige Positionen einzunehmen. Dabei wurde viel riskiert und häufig auch vermeintliches militärisches Basiswissen ignoriert, wie z.B. der Verzicht auf eine Sicherung der Flanken.
  6. Aber auch die Technik leistete einen Beitrag. Während die französischen Panzer nur teilweise mit Funk ausgestattet waren, besaßen die deutschen ausnahmslos hochwertige Funkgeräte und konnten auf diese Weise ihre Angriffe koordinieren und flexibel reagieren.

Die Niederlage war sowohl für das franzöische Heer als auch für das britische verheerend. Eine noch größere Katastrophe für das britische Expeditionsheer verhinderte neben der "Flankenpsychose" des deutschen Oberkommandos und dem daraus resultierenden "Aufschließ-Befehl" vom 23. Mai 1940, nur noch der militärische Dilletant Adolf Hitler mit seinem völlig unsinnigen Haltebefehl vom 24. Mai. Nur wenige Kilometer vor Dünkirchen mussten die deutschen Panzer anhalten. Und so konnten die Alliierten ihre Verteidungsstellungen ausbauen und bis zum 4. Juni fast 340.000 Soldaten evakuieren.

Ein wirklich interessantes und anschaulich geschriebenes Buch. Und welch ein Kontrast zu den Briefen aus dem Schützengraben. Während sich die Ereignisse im Buch wie ein spannender Roman präsentieren, zeigen die Briefe das brutale Gesicht des Krieges. Sie geben den nackten Zahlen, in denen die Truppenstärken und ihre Verluste beschrieben werden, ein Gesicht. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man dieses Kapitel deutscher Geschichte mit Hilfe dieses Buches aufarbeiten möchte.

Blitzkrieg-Legende - Der Westfeldzug 1940
Karl-Heinz Frieser
aus der Reihe Operationen des Zweiten Weltkrieges
Herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Band 2
R. Oldenbourg Verlag, München, 2005
ISBN 3-486-57824-3

Ach ja, aus der gleichen Reihe habe ich noch ein weiteres Buch bekommen: Band 22 "Entscheidung im Westen - Der Oberbefehlshaber Wast und die Abwehr der alliierten Invasion"... vier Kriegsjahre später... das Ende rückt näher. Wenn ich es gelesen habe, werde ich berichten. Aber jetzt steht erstmal ein anderes Buch auf der "Leseliste": "Das Cusanus-Spiel", ein Science-Fiction-Roman von Wolfgang Jeschke.

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